Anwendungsfelder entlang des Schadenprozesses
Der Schadenprozess ist prädestiniert für den Einsatz intelligenter Agentensysteme. Die folgenden Anwendungsfelder zeigen exemplarisch das Potenzial:
- Intelligente Schadenaufnahme
KI-Agenten können bereits bei der Schadenmeldung unterstützen – etwa durch Chatbots, die nicht nur strukturierte Informationen abfragen, sondern auch Freitext analysieren, Bilder interpretieren und automatisch relevante Dokumente anfordern. Dabei erkennen sie Inkonsistenzen oder fehlende Angaben und leiten Kunden gezielt durch den Prozess.
- Dokumentenverarbeitung und Kontextanalyse
Ein zentrales Einsatzfeld ist die automatisierte Verarbeitung von Rechnungen, Gutachten und Arztberichten. KI-Agenten extrahieren nicht nur Daten, sondern interpretieren diese im Kontext des Schadenhergangs. So erkennen sie etwa, ob eine Reparaturposition plausibel ist oder ob ein medizinischer Verlauf mit dem gemeldeten Unfallgeschehen übereinstimmt.
- Betrugserkennung in Echtzeit
Durch die Analyse historischer Schadenverläufe, Verhaltensmuster und Netzwerke können KI-Agenten potenziell betrugsverdächtige Fälle identifizieren – und das in Echtzeit. Dabei kombinieren sie strukturierte Daten mit unstrukturierten Informationen wie E-Mail-Inhalten oder Social-Media-Daten (sofern rechtlich zulässig).
- Automatisierte Regulierungsentscheidungen
In einfachen Fällen können KI-Agenten eigenständig eine Regulierungsempfehlung abgeben – inklusive Begründung und Dokumentation. In komplexeren Fällen unterstützen sie Sachbearbeitende durch Vorschläge, Risikoeinschätzungen und Verweise auf ähnliche Fälle.
- Adaptive Steuerung von Dienstleistern
KI-Agenten können auf Basis von Schadenart, Region, Verfügbarkeit und Qualität passende Werkstätten, Gutachter oder medizinische Dienstleister vorschlagen – und die Beauftragung automatisiert anstoßen. So wird der gesamte Prozess beschleunigt und qualitativ gesteuert.
Automatisierung mit Augenmaß: Wann KI genügt – und wann Experten gefragt sind
Gerade die Überprüfung von Rechnungen und Gutachten bei Glasschäden im Kfz-Bereich lässt sich durch den gezielten Einsatz von KI-Agenten und deren Integration mit weiteren Technologien nahezu vollständig automatisieren. Doch nicht jeder Fall läuft gleich ab – der Grad der Automatisierung hängt von der Komplexität und Datenlage ab.
KI-basierte Input-Management-Systeme erfassen und klassifizieren eingehende Belege – egal ob Scan, Foto, E-Mail oder digitales Formular. Mithilfe von Sprachverarbeitungstechnologien (NLP) werden relevante Informationen wie Schadenhergang oder Fahrzeugdaten aus unstrukturierten Texten herausgefiltert. LLMs validieren den Kontext der Schadenmeldung, erkennen Zusammenhänge zwischen verschiedenen Angaben und ermöglichen es, Datenfelder gezielt und automatisiert direkt aus den Dokumenten zu extrahieren. Bildanalysemodelle bewerten Schäden auf Fotos, prüfen Plausibilität und erkennen potenzielle Betrugsindikatoren.
Sind alle Daten vollständig, plausibel und im erwartbaren Rahmen, orchestriert ein Netzwerk aus KI-Agenten (Multi-Agent-Setup) die weiteren Schritte: Es prüft die formale Richtigkeit, bewerten die Schadenhöhe und gleicht Angaben mit Policen ab. Über Schnittstellen (APIs) werden die Agenten in Kernsysteme integriert. Virtuelle Assistenten und Chatbots übernehmen die Kommunikation mit Werkstätten und Kunden. In diesen Standardfällen läuft der Prozess komplett automatisiert ab – ohne Eingreifen von Experten.
Kommt es jedoch zu Unstimmigkeiten, fehlenden Angaben, ungewöhnlichen Schadenbildern oder potenziellen Betrugsmerkmalen, wird der Fall an eine Expertin wie Anna übergeben. Auch bei Grenzfällen, widersprüchlichen Informationen oder individuellen Policenbedingungen ist menschliches Fachwissen gefragt. Dieses Prinzip nennt sich Human in the Loop: Anna prüft solche Fälle, gibt Feedback an die KI-Systeme und sorgt so für kontinuierliche Verbesserung und Nachvollziehbarkeit.
Strategische Bedeutung: Mehr als Effizienz
Der Einsatz von KI-Agenten ist demnach mehr als ein Effizienzprojekt. Er verändert die Rolle der Schadenbearbeitung grundlegend:
- Von der Sachbearbeitung zur Entscheidungsrolle: Mitarbeitende werden entlastet und können sich auf komplexe Aufgaben konzentrieren.
- Vom Prozess zum Erlebnis: Kunden profitieren von schnelleren, transparenteren und individuelleren Schadenprozessen.
- Vom System zum Ökosystem: KI-Agenten ermöglichen die nahtlose Integration externer Partner – von Werkstätten bis zu Gesundheitsdienstleistern.
- Compliance und Nachvollziehbarkeit: Moderne KI-Agenten lassen sich so gestalten, dass ihre Entscheidungen dokumentiert und nachvollziehbar sind – ein entscheidender Aspekt im Kontext des EU AI Acts
Fazit: KI-Agenten als Schlüsseltechnologie für das Schadenmanagement der Zukunft
KI-Agenten sind mehr als ein technologischer Trend – sie sind ein strategisches Instrument zur Neuausrichtung des Schadenmanagements. Versicherer, die heute in den Aufbau intelligenter Agentensysteme investieren, schaffen die Grundlage für ein resilienteres und zukunftsfähiges Geschäftsmodell. So wird aus der klassischen Sachbearbeiterin Anna eine Expertin, die Hand in Hand mit KI-Agenten arbeitet – effizient, transparent und kundenorientiert. Das Schadenmanagement wird zum Erlebnis für Kunden und Mitarbeitende gleichermaßen.
[1] Sollers Consulting 2025: Unter der Oberfläche, KI in der Versicherung – Erkenntnisse und Erfahrungen
[2] Capgemini: World Cloud Report for Financial Services 2026